Volksseele koche über

Volksseele koche über

Spätestens seit der Erfindung der BILD-Zeitung ist das ein beliebter Sport. Mal sind es die SUV-Fahrer – übrigens, SUVs gibt’s auch tiefer gelegt…dann wieder die Hartz-IV-Empfänger, die in „Saus und Braus“ leben und manchmal einfach nur „Der Gottschalk“…

Wir sind als Gesellschaft aber auch dünnheutig und sensibel geworden. So gilt Jan Böhmermann heute schon als Revoluzzer und wünscht sich die ein oder andere Politikerin (wir wollen keine Namen nennen) auch die Zensur wieder herbei, weil ein blauhaariger „YouTuber“ (ein recht neues Berufsbild übrigens) seine Meinung der interessierten Öffentlichkeit kundtut. Neidvoll muss ich sagen, der hat sicher mehr Follower, als der Graue Esel in zwei Jahrtausenden erreichen wird!

Höchste Vorsicht ist auch sprachlich geboten, wenn man sich ein „Zigeunerschnitzel“ bestellt oder einen „Mohrenkopf“, selbst der gute alte Eskimo mag anscheinend so nicht mehr genannt werden. Ganz zu schweigen von den Ureinwohnern Amerikas deren Haut rötlichen Teint zeigt.

Studenten werden zu Studierenden, Weihnachtsmänner zu Weihnachtsleuten – nur die Mörder und Verbrecher müssen noch kritiklos nicht als „Mordende“ oder „Verbrechende“ bezeichnet werden. Das bleibt offensichtlich Männerdomäne.

Nun hat sich der Westdeutsche Rundfunk schuldig gemacht. Das an sich auch schon besorgniserregende Kinderlied „Meine Oma fährt im Hühnerstall Motorrad“ – nach heutiger Betrachtung grundsätzlich auch kein feiner Zug der alten Dame und für die Tiere hochgradig gefährlich – dazu noch der ganze Lärm und Gestank…aber gut - wurde im Hinblick auf den Klimawandel etwas abgewandelt. „Oma ist ne alte Umweltsau“… „Verballhornt“ hätte man früher gesagt…Klare Antwort des geneigten Fernsehguckers: „Na –und?“ oder „ Gefällt“ oder eben nicht. Abgehakt.

Unsere Kids waren ihre komplette Kindheit über solchen „Verballhornungen“ ausgesetzt…“Leise rieselt die Vier – auf das Zeugnispapier…“ oder „O Tannenbaum, O Tannenbaum, der Opa liegt im Kofferraum“ (weitere Reime wie „Gartenzaun“ erspare ich mir hier) oder gar „Heidi, Heidi, Deine Welt ist das Abflussrohr…“ Kann man witzig finden. Muss man aber nicht. Dass die eineinhalbminütige Ausstrahlung des aktuellen WDR-Videos aber gleich eine Sondersendung des WDR inklusive Zuschaltung des Intendanten vom Krankenbett des Vaters, (nach eigenen Angaben keine „Umweltsau“, aber erkennbar auch keine Oma) nach sich zog, ist entweder ein krasser Marketingerfolg (ich hätte das Video nämlich gar nicht mitbekommen) oder eben kompletter Unfug. Dass sich der ein oder andere Politiker dazu bemüßigt fühlt, sich darob zu äußern…, geschenkt. Ich machs ja auch…hab aber auch Zeit und bin nicht ansatzweise wutbürgerlich zugange.

Gestern Abend hatte ich dazu meinen Blogartikel im Kopf, doch der wunderbare Micky Beisenherz kam mir zuvor: https://www.stern.de/kultur/micky-beisenherz/micky-beisenherz---umweltsau---der-duemmste-aufreger-des-jahres-9065762.html

Damit ist alles gesagt. Ich wünsche mir für 2020, dass wir keine größeren Sorgen und Aufreger haben werden, als verballhornte Lieder…Micky Krause böte sich dazu auch noch an: „Geh doch Zuhause….“ oder „Geh mal Bier holn, Du wirst schon wieder häßlich“…darüber wäre doch mal ne Sondersendung angesagt…der aber darf sich auch ungestraft an Klassikern wie Rod Stewart („Ich bin Solo“) oder „Laudato Si“ („Gepriesen sei Wodka und Bacardi“) vergehen. In einer Zeit, in der Heino Lieder der FantaVier oder Eckart von Hirschhausen Eric Clapton interpretiert, ist hier auch noch Aufregungs-Luft nach oben! In diesem Sinne wünsche ich euch allen ein sorgenfreies neues Jahrzehnt…

Solong Jo

ps: Der Esel schweigt  dazu komplett. Ihm ist es zu blöd, dazu ein Statement abzugeben...außerdem schläft er gerade..

Geschrieben von : Jo Riehle